Cromford Geschräch: Strumpfausstellung

Cromford Gespräch zur aktuellen Sonderausstellung

Passend zur Sonderausstellung „Deutsche Strumpfdynastien – Maschen, Mode, Macher“, die vom 21. mai bis zum 22. Dezember 2017 in der Textilfabrik Cromford gezeigt wird, stand die Geschichte der Feinstrümpfe im Mittelpunkt von Vortrag und Gesprächen. Wie wurde aus dem einstigen Luxusgut ein Wegwerfprodukt? Die Referentin näherte sich dieser Fragestellung aus modischer, technischer und wirtschaftlicher Perspektive, garnierte ihren Vortrag aber auch mit allerlei Anekdoten rund um die Geschichte des Feinstrumpfs. Etwa 25 Gäste brachten ihre Erinnerungen und Anekdoten mit ein bei diesem unterhaltsamen Sonntagvormittag. Die Referentin Alexandra Hillek, ehemalige Museumsvolontärin, berichtet von ihrem Cromford Gespräch.

Jahrhundertelang war der reich verzierte seidene Feinstrumpf nur dem Adel vorbehalten. Die einfachen Bürger trugen wollene Strümpfe, bei denen die Funktionalität im Vordergrund stand, also der Schutz vor Dreck, Nässe und Kälte. Hatten sie doch auch kaum Anlässe, um sich wie der Adel zu präsentieren. Aus heutiger Sicht erstaunt die Tatsache, dass es vom Mittelalter bis in die frühe Neuzeit die Männer waren, die ihr bestrumpftes Bein zur Schau stellten, während die Beine der Frauen unter bodenlangen Röcken verschwanden. Die Attraktivität des Mannes wurde am Wuchs und an der Muskelkraft seiner Waden gemessen – kein Wunder, dass einige auf Polster zurückgriffen, um der Natur nachzuhelfen.

Mit der Französischen Revolution hielt eine schlichte, demokratische Mode Einzug; allmählich entwickelte sich bei den Männern ein Bekleidungsschema, das uns heute noch vertraut ist: Der Herrenanzug in gedeckten Farben setzte sich durch und der Herrenstrumpf, im Laufe der Zeit zur Socke verkürzt, verschwand unter der Oberbekleidung.

Im 20. Jahrhundert setzten neue Materialien wie Kunstseide und später Nylon und Perlon neue modische Maßstäbe. Von den Feinstrümpfen verlangte man nun lediglich die natürliche Nachzeichnung des Beins, war es doch seit der Charleston-Mode in den 1920ern erstmals sichtbar. Seinen Status als Luxusprodukt verlor der Feinstrumpf, als die Firma Schulte & Dieckhoff ihre Marke „nur die“ in den frühen 1960er Jahren über den Lebensmittelhandel statt im Fachgeschäft vertrieb. Sie konnte ihre Strümpfe als Massenartikel zu niedrigen Preisen anbieten, weil sie die Produktion vereinfacht hatte. Während Nylonstrümpfe zuvor bis zu 12 Mark kosteten, gab es „nur die“ für lediglich 3,95 Mark.

Vor allem der Umgang mit Strümpfen in der Nachkriegszeit setzte beim Publikum viele Erinnerungen frei und rundete das Cromford Gespräch mit amüsanten Anekdoten ab. So wurde z.B. erzählt, wie Löcher in den Strümpfen mit Schuhpaste kaschiert wurden, kaputte Strümpfe also keineswegs weggeworfen wurden, wie das heute üblich ist. Überhaupt: Strümpfe stopfen war ein beliebtes Thema, zu dem viele Gäste interessante und auch lustige Geschichten beitrugen.

Als sich in den 1950er Jahren eine Rundstrickmaschine  durchsetzte, die erstmals auch Feinstrümpfe bearbeiten konnte, verschwand die berühmte Naht am Bein. Mit ihr verlor der Damenstrumpf dieses gewisse Extra, diesen Hauch von Sinnlichkeit und Erotik, der ihn so verführerisch gemacht hatte. Um nicht ganz darauf zu verzichten, wurden Strümpfe mit Naht weiterhin produziert, auch wenn es produktionstechnisch nicht mehr erforderlich war. Sie blieben beliebt, wie eine Besucherin erzählte: Ihre Mutter trug sie nur zu besonderen Anlässen, beispielsweise zu Weihnachten.

Alexandra Hilleke

 

 

 

 

 

 

 

 

 

"Immer die Fassung bewahren": Hinter diesem Titel verbargen sich hochinteressante, detailreich und lebendig gestaltete Vorträge der Museumsleitung, Claudia Gottfried und Christiane Syré, die beide von Anbeginn den Aufbau des Industriemuseums Cromford maßgeblich begleiteten.

Wie man ein so anspruchsvolles Projekt erfolgreich bewältigt, das kann man übrigens – im Gegensatz zur Kunstgeschichte – an keiner Hochschule lernen; Vorlesungen zur geschichtlichen Entwicklung der Industriekultur: die gibt es bis heute nicht.

Das Publikum dankte den beiden Referentinnen für ihre Darbietung mit großem Applaus und versammelte sich anschließend für ein ‚Familienfoto‘ mit ihnen, zusammen mit Dr. Annette Koewius, die die Veranstaltung leitete und zu Beginn des Gesprächs ein Grußwort im Namen des Vorstands an die Teilnehmer richtete.

 

Insbesondere wurden die folgenden Gesichtspunkte und Problemkreise behandelt:

- der aufwendige Nachbau von Maschinen aus der Frühzeit der Industrialisierung ab Ende des 18. Jahrhunderts;

- die Auswahl, Beschaffung und Unterbringung weiterer Exponate einschließlich textiler Erzeugnisse, die aus dieser Zeit stammen.

So wurde der Ankauf einzelner Exponate erläutert, so am Beispiel der seinerzeit als erstes erworbenen bergischen Münzwaage und vor allem der historischen textilen Objekte, über die das Museum inzwischen in einzigartiger Weise verfügt. Hierbei gelang es den beiden Referentinnen, mit der Frage nach der Bestimmung vorgeführter Objekte (Geschenke an das Museum) das Publikum aktiv in die Problematik der Authentizität von Ausstellungsstücken einzubeziehen.

In der weiteren Diskussion ging es u.a. um die Frage der Höhe von Kosten für die Exponate. In diesem Zusammenhang verwies unsere ehemalige Vorsitzende, Frau Helga Hülsmann, auf die kontinuierliche finanzielle Unterstützung des Museums durch unseren Förderverein.

Dr. Alexander Koewius

 

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