Exkursion: Tuchfabrik Müller

Exkursion: Besuch der Tuchfabrik Müller in Euskirchen und der Ordensburg Vogelsang bei Schleiden

20 Vereinsmitglieder nutzten im März die Gelegenheit, an einem Exkursionstag gleich zwei Ausstellungen zu besuchen. Zunächst traf man sich in Euskirchen zur Besichtigung des LVR-Industriemuseums Tuchfabrik Müller. Anschließend ging es weiter zur NS- Ordensburg Vogelsang oberhalb der Urftalsperre bei Schleiden.
Hier lesen Sie den reich bebilderten kompletten Bericht des Vorstandsmitglieds Dr. Eckhard Hofmann vom erlebnisreichen Tag, der in der gedruckten Ausgabe in gekürzter Form veröffentlicht wurde. 

 

Bild links: Ansicht der Tuchfabrik Müller (Foto LVR) und rechts die Besuchergruppe vor dem Aufgang zu Spinnerei. Über diese steile Treppe wurden bis zur Schließung die schweren,  teils noch nassen Stoffballen, hinauf- und heruntergetragen.

 
"Die Tuchfabrik Müller ist ein außergewöhnlicher Ort. Er vermittelt den Eindruck, als ob die Geschichte 'selbst' das Museum eingerichtet habe: Die Maschinen und Werkzeuge, die großen und kleinen Dinge sind da, wo sie schon immer hingehörten. Nach der Übernahme der vollständig erhaltenen Fabrik im Jahr 1988 durch den LVR  und einer behutsamen Restaurierung steht seit September 2000 ein außergewöhnliches Industriedenkmal für eine Museumsnutzung zur Verfügung. Die Tuchfabrik Müller zählt zu den besterhaltenen und best dokumentierten historischen Fabriken in Deutschland", so ein Text des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR).

Die Tuchfabrik stellte bis zu ihrer Schließung im Sommer 196 ausschließlich Streichgarntuche aus Schurwolle, einen sehr langlebigen und robusten Wollstoff her. Abnehmer der  Woll- und Lodenstoffe waren Tuchhandlungen und große Kaufhäuser in Deutschland. Hinzu kam die Spezialität der Uniformtuchproduktion.

Die veralteten Anlagen, die räumlich bedingt ungünstigen Produktionsvoraussetzungen und die mit Einführung der EWG möglichen Einfuhren von Stoffen der preisgünstigen italienischen Textilindustrie, vornehmlich aus  Prato 1), stellten für die Tuchfabrik ein großes Problem dar. Hinzu kam, dass die nicht so hochwertigen, günstigeren Tücher aus Reißwolle, Tücher aus Baumwolle  und Kunstfasern mehr gefragt waren. Im Sommer 1961 schloss Müller die Fabrik wegen Auftragsmangels, bevor das Unternehmen Verluste machte. In der Hoffnung, die Fabrik in absehbarer Zeit wieder in Betrieb nehmen zu können, pflegte Müller die Maschinen und beließ die Fabrik bis zu der Übernahme des  LVR in ihrem alten Zustand.

Seit der Eröffnung des Museums im September 2000 können folgende Produktionseinheiten besichtigt werden: Die wichtigsten Textilmaschinen und die Dampfmaschine konnten reaktiviert werden und laufen regelmäßig im Vorführbetrieb. Zu Beginn war die Unterstützung durch ehemalige Mitarbeiter hilfreich.

  • Wolferei (Lockerung, Reinigung und Vermischung der Wolle)
  • Färberei (Färben der Wolle)
  • Krempelei (Herstellung von Vorgarn)
  • Spinnerei (Garnherstellung aus dem Vorgarn)
  • Webvorbereitung {Zwirnen, Kettschären, Schären (Herstellen der Webkette, Leimen der Kette) }
  • Weberei (Herstellen des Gewebes)
  • Nassappretur (Waschen, Walken, Rauen des Tuchs)
  • Stückfärberei (Färben des Tuches, zur Erzielung einer gleichmäßigen Färbung, z. B. für Uniformtuche)
  • Trockenapparatur (Finish oder Endbehandlung des Tuches: Noppen, Dämpfen, Scheren, Pressen, Dekatieren)
  • Maschinenhaus (Dampfmaschine)

 

Erläuterung zu den Maschinen von li. n. re.: Die immer noch einwandfrei arbeitende Dampfmaschine aus dem Jahre 1912 trieb bis zur Schließung des Werks über Transmission die Maschinen an.
Insbesondere in den Fertigungsbereichen mit korrosivem Angriff wurde mit dem Werkstoff Holz gearbeitet.
Die rein mechanische Steuerung der Maschinen in der Krempelei zur Herstellung des Vorgarns ist beeindruckend.
In der Weberei werden heute immer noch Stoffe hergestellt.

Beeindruckend war, dass die gut erhaltenen und gepflegten Produktionsanlagen von mehr als hundert Jahren immer noch zuverlässig arbeiten. In den Bereichen mit korrosivem Angriff wie z.B. der Wäscherei und Färberei wurden geschickterweise überwiegend solide Holzkonstruktionen eingesetzt. In den übrigen Bereichen können Maschinen und Einrichtungen mit rein mechanischer Steuerung bewundert werden, die das hohe technische Niveau des Anlagen- und Maschinenbaus zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufzeigen. Einmalig ist, dass der gesamte Maschinenpark bis zur Schließung im Jahre 1961 ohne elektrischen Strom nur über eine gemeinsam arbeitende Wasserturbine und Dampfmaschine in Verbindung mit einem ausgeklügelten Transmissonssystem angetrieben wurden. Die letzte Baumaßnahme der Fabrik war 1922/23 der Bau einer Shedhalle für die Spinnerei.

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1) Prato in der Toskana hat auch 2017 noch einen  sehr schlechten Ruf und wird als Sklavenstätte bezeichnet. In etwa 5000 kleinen bis mittleren chinesischen Textil-Betrieben arbeiten noch heute unter meist miserablen Arbeitsbedingungen bei niedrigstem Lohn überwiegend Chinesen. (um die  18 bis 25.000 Chinesen, Arbeiter und Produzenten leben in der Region). Bei einem Stundenlohn von  teilweise nur 1 € sind extrem lange Arbeitszeiten keine Seltenheit.

 

Nach der abschließenden Besichtigung des Wohn-Verwaltungshauses der Familie Müller trennte sich die Gruppe. Der überwiegende Teil der Teilnehmer fuhr zu einer weiteren Besichtigung zur Ordensburg. 

 

NS-Ordensburg Vogelsang 
Besuch der
Dauerausstellung: “ Bestimmung Herrenmensch. NS-Ordensburgen zwischen Faszination und Verbrechen“.   

Die im September 2016 eröffnete Dauerausstellung zeigt die  Geschichte der NS-Ordensburg in Verknüpfung mit allgemeinen Themen des Nationalsozialismus.

Um geeigneten Führungsnachwuchs zu erhalten, veranlasste Adolf Hitler   den Bau neuer Schulen. So auch den als Ordensburg Vogelsang bezeichneten Gebäudekomplex  oberhalb der Urft Talsperre bei Schleiden in der Eifel. Die Anlage diente, im Gegensatz zur SS-Junkerschule und zur Reichsführerschule, der NSDAP zwischen 1936 und 1939 als Schulungsstätte für den Nachwuchs des NSDAP-Führungskaders. Mit dem Bau wurde der „Reichsorganisator“ Dr. Robert Ley betraut. Die Planung lag in den Händen des Kölner Architekten Clemens Klotz (auch Seebad Prora). In nur 2 Jahren wurde der erste wesentliche Bauabschnitt von 1500 vornehmlich aus der Region stammenden Arbeitern fertiggestellt. Mit dem Kriegsausbruch im Jahr 1939 wurden die weiteren vorgesehenen Baumaßnahmen eingestellt.   

In der 90minütigen informativen  Führung durch die Ausstellung werden die Baugeschichte, die Rekrutierung der 2200 Schüler, die Ausbildungsziele und der Tagesablauf dargestellt. Intensive sportliche Ausbildung,  sowie Rassenkunde und „Geo-Politik“     mit aggressiven außenpolitischen und rassistischen Thesen waren  Schwerpunkte des Unterrichts. Anschließend wird der spätere Einsatz der sich als Herrenmensch fühlenden Absolventen auf eindrucksvolle Weise dargestellt. Bedrückend  ist der Abschnitt, der die Auswirkungen der Ausbildung und Umerziehung auf der Ordensburg zeigt. Der Beweis für die Behauptung der Geschwister Scholl: Auf den Ordensburgen würden „gottlose, schamlose und gewissenlose Mordbuben und Ausbeuter herangezogen“, wird am Ende der Ausstellung erbracht. Mehr als 400 Ordensschüler, die sich als Elite der Partei fühlen, übernehmen in den im Osten eroberten Gebieten als Gebietskommissare oder Besatzungsverwalter vornehmlich politische Aufgaben. Die „praktizierenden Herrenmenschen“, so die Ausstellung,  sind in das System integriert und für zahllose Kriegsverbrechen verantwortlich. Die Justiz interessierte sich erst lange nach dem Krieg  für die einzelnen Täter. Nur ganz wenige wurden letztendlich verurteilt An einigen Beispielen wird gezeigt, dass trotz schwer belastender Dokumente und  Aussagen nur wenige Täter zur Rechenschaft gezogen wurden. Exemplarisch wird auch der erfolgreiche Werdegang einiger Teilnehmer nach dem 2. Weltkrieg aufgezeigt: ehemalige Ordensjunker  arbeiteten u. A. für etablierte Parteien in  Ministerien,  den Landtagen und Behörden in leitender Position. Sogar das Bundesverdienstkreuz der 1. Klasse wird an Herrn H. Stender verliehen .Ein anderer betreibt einen Verlag für rechtextremistische Bücher und Zeitschriften.  Ein  Ausbilder wurde Bundesminister für Vertriebene, Flüchtlinge und  Kriegsgeschädigte. Im „Alte-Burger-Kreis“  zusammengeschlossene ehemalige Junker  trafen sich lange Zeit noch einmal im Jahr in Vogelsang.

Allein  eine Besichtigung der gewaltigen Anlagen in schöner Landschaft ist einen weiteren Besuch wert.

Dr.-Ing. Eckhart Hofmann
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