20 Jahre Industriemuseum

20 Jahre Industriemuseum, Textilfabrik Cromford

Konversation, Musik und Tanz wie zu Brügelmanns Zeiten: Die Cromford Night im September markierte mit einer ganz besonderen Atmosphäre im Gartensaal den Auftakt zu weiteren Veranstaltungen rund um das 20-jährige Museumsjubiläum. Doch wie ist das Haus in den letzten 20 Jahren zu dem geworden, was es heute ist? Museumsleiterin Claudia Gottfried, die von Anfang an dabei war, gibt Einblicke in die Entstehungsgeschichte des Museums und verrät auch, was für 2017 geplant ist.

Dr. Eckhard Bolenz und seine Mitarbeiter waren aufgeregt und erwartungsvoll. Würde dieses neue Museum in Ratingen und Umgebung akzeptiert, würde überhaupt Besucher kommen? Und wer sind diese Besucher? Heute, 20 Jahre später können wir sagen: ja, sie kommen! Jedes Jahr besuchen zwischen 27.000 und 30.000 Menschen dieses Museum. Sie kommen um die Dauerausstellung oder eine der Sonderausstellungen zur Kulturgeschichte der Mode und Bekleidung anzuschauen, nehmen an den großen Festen und Veranstaltungen teil, lernen mit ihrer Schulklasse, feiern Kindergeburtstag oder heiraten hier. Es ist ein lebendiger Ort geworden, der aus dem kulturellen Angebot in der Stadt Ratingen nicht mehr wegzudenken ist.

Bis dahin war es ein weiter Weg, der schon lange vor der Eröffnung 1996 begann. Zu diesem Zeitpunkt hatte das Rheinische Industriemuseum bereits eine zwölfjährige Geschichte hinter sich, die mit seiner Gründung durch den Landschaftsverband Rheinland 1984 begonnen hatte. Damals sollte eine ganz neue Form von Museum geschaffen werden. Ein Museum für Industrie- und Sozialgeschichte, dezentral untergebracht in denkmalgeschützten Fabriken und verteilt über das Rheinland. Mit der Gründung der Industriemuseen reagierten die Landschaftsverbände von Rheinland und Westfalen-Lippe auf die Deindustrialisierung und den damit einhergehenden Strukturwandel in NRW. Es gehörte zu ihrem Ansatz, regionaltypische, denkmalgeschützte Industrieanlagen zu erhalten und als Erinnerungs-orte museal zu nutzen.

Die ehemalige Baumwollspinnerei von Johann Gottfried Brügelmann wurde auf Grund ihrer großen historischen Bedeutung – gilt sie doch als erste Fabrik auf dem Kontinent – als einer von sechs Standorten des neuen Museums ausgewählt. Die Stadt Ratingen übernahm die Sanierung, der LVR die Einrichtung des Museums.

Dann kam der schwierigste Teil für das Wissenschaftlerteam vor Ort. Eine Ausstellung musste konzipiert und umgesetzt werden. Was ist ein Museum für Industrie- und Sozialgeschichte? Welche und vor allem wessen Geschichte(n) soll(en) hier erzählt werden? Und an Hand welcher Objekte? In den ersten Jahren wurde vor allem Grundlagenforschung betrieben, auf deren Grundlage dann das Konzept erstellt wurde. Das wiederum sollte dem Selbstverständnis des Industriemuseums entsprechen: Es stellte die Welt der Arbeit, die Lebens- und Arbeitsbedingungen der „einfachen Leute“, die Alltagsgeschichte, „Geschichte von unten“ in den Mittelpunkt, während die Geschichte der Unternehmer nur beiläufig vorkommen sollte. Angestrebt wurde eine sozial- und wirtschaftsgeschichtliche Ausstellung mit einem niederschwelligen Ansatz, mit Mitmachstationen und einem Schaubetrieb, der das Haus für alle zugänglich machen sollte.

Entsprechend wurde die Ausstellung geplant und eingerichtet. Bis heute steht der Produktionsprozess der Baumwollspinnerei im Mittelpunkt. Die nachgebauten Spinnmaschinen des 18. Jahrhunderts und das gewaltige Wasserrad laufen wie vor 200 Jahren und faszinieren die Besucher immer wieder. Sozialhistorische Themen zu den Arbeitsbedingungen, der Kinderarbeit, der Lebenswelt der Arbeiter/innen flankieren die Ausstellung.

Während das Herrenhaus in dieser frühen Phase noch eher ein Schattendasein führte, konnten doch nur wenige Räume zugänglich gemacht werden, kam – jetzt unter der Leitung von Claudia Gottfried – 2008 die große Chance zur Neugestaltung der Dauerausstellung im Herrenhaus, als die Stadt Ratingen dem Landschaftsverband und damit dem Industriemuseum das gesamte Gebäude zur Verfügung stellte. Ein bedeutsamer Schritt in der Geschichte des Museums. Das Herrenhaus wurde umgebaut und 2010 eröffnet mit einer Dauerausstellung zur Unternehmerfamilie Brügelmann. Endlich konnte man ganz in den Kosmos aus Leben und Arbeit in der frühindustriellen Zeit des späten 18. Jahrhunderts eintauchen. Ab 2017 soll auch die Dauerausstellung in der Hohen Fabrik grundlegend überholt, aktualisiert und modernisiert werden, wobei die Maschinen und das Antriebssystem natürlich nicht angerührt, sondern weiterhin den Mittelpunkt der Ausstellung bilden werden.

Aber so erfolgreich die Dauerausstellung auch ist, ein Museum lebt nicht von ihr allein. Deshalb wurden seit der Eröffnung immer auch Sonderausstellungen gezeigt. Insbesondere die Ausstellungen zur Kulturgeschichte der Mode und Bekleidung sind zu einem zweiten Standbein des Hauses geworden und ziehen immer wieder ein großes, auch überregionales (Stamm-)Publikum an. Diese Ausstellungen sind nur realisierbar, weil das Museum seit 1996 eine der umfangreichsten und bedeutendsten Sammlungen von Alltagskleidung vom späten 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart aufgebaut hat. Das Manko einer fehlenden Sammlung, das das Museumsteam während der Aufbauphase oft vor Herausforderungen gestellt hatte, erwies sich im Nachherein als Vorteil. Denn so konnte von Anfang an gezielt eine neue Sammlung zusammengestellt werden, die dem Konzept des neuen Museums für Industrie- und Sozialgeschichte genau entsprach. Auf der einen Seite wurde über Jahre gezielt historische Kleidung angekauft, auf der anderen Seite verdankt das Museum seinen Gästen und Freunden einen großen Teil der Objekte. Mit seinen kulturhistorischen Ausstellungen und der deutschlandweit einmaligen Sammlung ist das Cromforder Museum überregional bekannt und auch in der musealen und fachwissenschaftlichen Community anerkannt.

Aber nicht allein das breit gestreute attraktive Angebot hat dazu beigetragen, dass das Museum heute als Ort der Unterhaltung und Bildung anerkannt ist und für viele auch ein Stück Heimat ist, sondern vor allem die große Zahl von Freunden aus der Bevölkerung, Politik, Wirtschaft, Industrie und Kultur, die das Cromforder Museum seit seiner Gründung kontinuierlich unterstützt haben. Und hier gilt mein ganz großer Dank dem Verein der Freunde und Förderer des Industriemuseums Cromford e.V. – heute unter der Leitung von Wolfgang Küppers – und dem Kuratorium – unter der Leitung von Joseph Tünkers. Seit ihrer Gründung unterstützen beide, der Verein und das Kuratorium, das Haus in vielfältiger Weise und mit einem umfangreichen Programm. Nur so kann das Museum Jahr für Jahr zu einem interessanten, unterhaltsamen wie abwechslungsreichen Angebot einladen.

 Claudia Gottfried

 

 

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